Neujahrskonzert 2012

Neujahrskonzert 2012
Konzerthaus am Gendarmenmarkt

 

Chefdirigent Frank Michael Erben
studierte an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ in Leipzig. 1987 wurde er als 1. Konzertmeister des Gewandhausorchesters berufen. Seit 1993 konzertiert er ausserdem als Primarius mit dem berühmten Gewandhausquartett auf allen Kontinenten. 2009 folgte er der Bitte, das Leipziger Symphonieor-chester als Chefdirigent zu leiten.
Der Klangkörper wurde 1963 als Staatliches Orchester des Bezirkes Leipzig gegründet. Sein Repertoire enthält Oper, Operette und Musical bis zur sinfonischen Unterhaltungsmusik. Er prägt das sächsische Musikleben in hohem Maße mit und gastierte u.a. beim Usedomer Festival, auf der Insel Mainau, in der Berliner Waldbühne, den Niederlanden, der Schweiz und Südkorea.

Wenn Komponisten in bewegten Zeiten reisen, betroffen von menschlichen Schicksalen und gravierenden Ereignissen in der Welt, wenn sie sich literarisch inspirieren lassen von den fortschrittlichsten Ideen, können Meisterwerke entstehen, die über Jahrhunderte hinweg Erkenntnisgewinn,  Elan und Lebensfreude vermitteln. In diesem Sinne war das Programm unserer Neujahrskonzerte angelegt – wie schon oft seit 19 Jahren in dieser Reihe.

Peter Bause
wurde im Dramatischen Zirkel des Hauptpostamtes Magdeburg als schauspielerisches Talent entdeckt und zum Studium nach Leipzig delegiert. Hunderttausende Theaterbesucher kennen ihn vom Deutschen Theater und vom
Berliner Ensemble, Millionen sahen und sehen ihn in Film und Fernsehen. Vor kurzem 70 geworden, pflegt er den Unruhestand und tritt fast täglich auf - von Thüringen bis Hamburg, in interessanten Inszenierungen und auch in Lesungen aus seinem neuen Buch „Man stirbt doch nicht im dritten Akt".                                                                                                                                                                                                                 
Zum ersten Mal moderierte er unser Neujahrskonzert.

 

Am 21. Januar 1857 hatte der Schöpfer der eigenständischen klassischen Musik Russlands, Michail Iwanowitsch Glinka, Berlin besucht, um in einem Schlosskonzert der Aufführung des berühmten Terzetts aus seiner Nationaloper „Ein Leben für den Zaren“ beizuwohnen, dirigiert von Giacomo Meyerbeer.
Mit der Polonaise, mit diesem Terzett (gesungen von Sergej Shafranovitch, Martina Rüping und Hugo Mallet) und mit der Romanze der Antonida (Martina Rüping und Damenchor) eröffnete das Leipziger Symphonieorchester auch unser Neujahrskonzert.
Herr Botschaftsrat Alexander A. Lopushinskiy und Herr Juri Fost, der Vorsitzende und zahlreiche Mitglieder der Glinka-Gesellschaft Berlin nahmen am Konzert teil.

Oft hatte Glinka in Deutschland, in Italien, in Frankreich, in Spanien und in Polen seine Petersburger Studien ergänzt und musikalische, wohl auch gesellschaftliche Impulse aufgenommen, die ihn beflügelten, in seiner Heimat an die besten Traditionen russischer Musik anzuknüpfen, die Ideen und Werke junger Literaten wie Puschkin und Gogol aufzunehmen und kraftvoll die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen. Die Legende vom patriotischen Einsatz des Bauern Ivan Susanin, der im 17. Jahrhundert eine Moskau angreifende Armee des polnischen Königs Sigismund durch unwegsame Wälder ins Verderben geführt und dafür sein Leben geopfert hatte, ist mit der Uraufführung im Jahre 1836 in die musikalische Weltliteratur eingegangen.

Sergej Shafranovich, Bariton
studierte nach dem Besuch einer speziellen Musikschule an der Kunstakademie in Minsk Gesang und Schauspiel.
Er wurde am National Bolschoj Opernhaus in Minsk engagiert und als Solist eingesetzt. Anschliessend absol-
vierte er die Musikhochschule Detmold und begann danach im Chor des Theaters Magdeburg. Dabei wurde er
mit solistischen Aufgaben betraut und übernahm Solopartien in den Opern Eugen Onegin, Tosca und Nabucco.
Er gehört dem Chor der Deutschen Staatsoper Berlin an.

 

Im Februar gedachten wir des Komponisten gemeinsam mit der Glinka-Gesellschaft auf dem Russischen Friedhof in Tegel an seinem Ehrenmal, das 1947 auf Initiative der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland errichtet worden ist. Michail Glinka war während der Rückreise von Berlin vor 155 Jahren erkrankt und in Tegel beigesetzt worden.

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In den Neujahrskonzerten erlauben wir uns, in Opern, Operetten und Musicals „hinein zu hören“- besonders auch in die der grossen Italiener -, um Lust anzuregen, sich mit den Werken genauer vertraut zu machen, mit ihrer Musik, ihrem Ursprung und geschichtlichen Anlass, mit ihrer Botschaft.

Schon im vorigen Januar hatte auf dieser Bühne der Herzog von Mantua behauptet: „Ach wie so trügerisch sind Weiberherzen“. Diesmal sollte einiges mehr darüber ans Tageslicht kommen, was sich am Hofe zugetragen hatte und wie Tragödien oft beginnen.

Auf das verführerische Werben des Herzogs (Hugo Mallet): „Liebe ist die Sonne der Seele“ - antwortete Gilda (Martina Rüping): „Das sind die süßen, zärtlichen Worte meiner jungfräulichen Träume“ – noch nicht ahnend, worauf sie sich einlässt und was geschehen wird, wenn Vater Rigoletto  versuchen wird, Rache zu üben für die Schändung seiner Tochter durch Seine Majestät – wovon in unserem Konzert der Chor „Duca, Duca“ berichtete.

Hugo Mallet, Tenor, ist in London geboren, hat am „Royal Northern College" in Manchester Gesang studiert und Meisterkurse bei Sängerinnen und Sängern von Weltrang absolviert. Er singt in Paris, Dijon, Singapur, Luzern, Moskau und in zahlreichen anderen Konzertsälen - mit Orchestern wie dem Gürzenich Orchester, Singapore Symphony Orchestra, der Nordwestdeutschen Philharmonie und l'Orchestre de l'Opéra de Rouen.
Mit Thomas Quasthoff und Katharina Kammerloher spielte er die CD Gioas, Re di Giuda von Cartellieri ein.

Zu seinen Partien zählen Tamino, Tom Rakewell, Faust und Pinkerton.
Sein Konzertrepertoire reicht von Bachs Evangelisten über Frank Martins Tristan bis zu Mahlers Lied von der Erde.
2012 wirkte er zum zweiten Mal in unseren Neujahrskonzerten mit.

 

Verdi hatte übrigens den Frauenhelden von Mantua nur als Stellvertreter eingesetzt. Gemeint war der, den Victor Hugo mit seinem Drama  „Le Roi s’amuse“ angegriffen hatte: Der französische König Louis Philippe – und keineswegs nur er. Ein Untertan flucht dem König von Frankreich – das war den Kulturverantwortlichen Venedigs entschieden zu weit gegangen. Also ist die Handlung an den kleinen Hof von Mantua verlegt worden. Aber Verdi hatte seine Forderung durchgesetzt: „Die ursprünglichen Charaktere werden beibehalten.“ So war der erste eigentlich populäre Opern-Wurf des Meisters gelungen.

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Nicht alle Opern Richard Wagners sind für ein Neujahrskonzert geeignet. Aber dem „Fliegenden Holländer“ wollten wir uns doch nähern. Das Werk ist sozusagen „auf Reisen“ entstanden. 1839 hatte er mit seiner Frau Minna die Flucht aus Riga antreten müssen, dort als Theater-Kapellmeister hinausgeworfen.

Die Seefahrt nach London war durch heftige Stürme zu einer Tortur geworden – allerdings mit positiver Folge. Zwangsweise Schutz suchend in norwegischen Häfen, hatte Richard Wagner Seeleute kennen gelernt, an die auf unserer Bühne der Chor aus den drei großen Berliner Opernhäusern erinnerte mit der entsprechenden Szene und: „Steuermann, lass die Wacht!“

Beim Gedanken, die Erlebnisse in einer Oper zu verarbeiten, hatte Wagner sich erinnert, bei Heinrich Heine über die uralte Sage vom Geisterschiff, dem „Fliegenden Holländer“ gelesen zu haben – und zwar im Schelmenroman „Aus den Memoiren des Herrn Schnabelewopski“. Wie er Heines schwärmerische Gefühle am Hamburger Jungfernstieg und seine Satire über das Hamburger Rathaus und das beginnende Bankenwesen, wie er dessen französisch-frühsozialistische Sympathien empfunden haben mag, konnte auch unser Moderator Peter Bause so genau nicht sagen.

Immerhin: In Paris haben sich beide als Emigranten angetroffen, der eine von Beamten gesucht, des anderen Literatur in Preußen und durch den Frankfurter Bundestag in allen deutschen Landen strengstens und für alle Zeiten verboten.

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Zu Beginn des zweiten Konzertteils spielte Frank Michael Erben die Romanze für Violine und Orchester G-Dur op. 26 von Johan Severin Svendsen (1840 - 1911). Svendsen hat von 1863 - 1867 im Leipziger Konserva-torium studiert. Danach ist er auf Reisen gegangen nach Paris, New York City und nach Bayreuth, wo er auch Richard Wagner kennen gelernt hat. Nach zwei weiteren Jahren als Kapellmeister in Leipzig war er bis zu seinem Lebensende Hofkapellmeister in Kopenhagen. Er wurde zum ersten großen Sinfoniker Norwegens - oft zu sehr im Schatten seines berühmten Zeitgenossen Edvard Grieg.

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Schon in mehrere Konzerte hatten wir "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach aufgenommen. Haben doch beide viel zu erzählen - auf unterhaltsame, phantasievolle Weise - und die romantische Oper geht ins Ohr. Wer hört nicht immer wieder gern die Barcarole? Heiterkeit im Saale, wenn der Dirigent vom Pulte stieg und die "Olympia" mit dem grossen Schlüssel aufzog, als sie mitten in der Arie erschöpft zu singen aufhörte. Selten wurde gefragt: Warum?

Diesmal sang Martina Rüping die grosse Arie der todkranken, liebenden "Antonia": "Sie entfloh, die liebende Taube ... Ach, lass' dein Herz her zu mir kommen" - anrührend noch heute, auch wenn man die romantische Vorstellung nicht teilt, eine Liebe könne ihre Erfüllung nicht im Leben finden, sondern erst im Tod.

Die Geliebten Hoffmanns sind Idealbilder, die mit der Realität der aufkommenden sozialen Wirklichkeit im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert auf tragikomische Weise konfrontiert werden. Erlebtes und zu Erwartendes im "Zeitalter des technischen Fortschritts" (wie meist geschrieben steht) haben E.T.A. Hoffmann und J. Offenbach aufgewühlt und inspiriert. Die bürgerlichen Revolutionen von 1648, von 1789 und 1848 hatten mehr eingeläutet als neue Maschinen und etwa nur Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ...

Was Hoffmann und Offenbach über Charaktere und Menschenschicksale, über Liebe und Teufelswerk, über Hoffnungen und enttäuschte Illusionen sagen mussten und gestalteten, traf schon damals die Erfahrungen unzähliger Menschen und die Visionen der Vorausdenkenden. Es enthielt ja auch Impulse aus Goethes, Rousseaus und Victor Hugos Werken, Anregung und Ermutigung durch Verehrer wie Heinrich Heine, Adalbert von Chamisso und Honoré de Balzac.

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Nach der Opernreise quer durch Europa gönnten wir uns noch einen Blick in's angeblich "leichtere" Fach, um zu sehen, was Operettenkomponisten entdecken und aufdecken können.

"Carl Millöcker hat den Bettelstudenten ja nicht einfach erfunden", hieß es in der Moderation. "Sie wissen: Der aufgeblasene Graf Ollendorf hatte sie ja nur auf die Schulter geküsst, die Komtesse Laura. Und sie hatte es ihm mit ihrem Fächer heimgezahlt. Um das kleine Spässchen ging es ja aber nur am Rande. Fürstin Nowalska sollte Rache spüren für ihre Arroganz, ihre Tochter nur an >von und zu< zu verkuppeln."

"Dass  Student Symon und Laura sich echt verlieben und auf den Standesdünkel pfeifen - Nein! Das war doch ein echter Skandal! Schon Stoff für eine Operette mit Absicht, zumal es ja im Krakau von 1700 brodelte, da polnische "Wutbürger" im Kerker aufbegehrten gegen den "Goldenen Reiter" aus Dresden, Kurfürst August und König von Polen, gegen die Korruption, zu der man damals noch nicht einmal den EURO brauchte.

Nach der Stippvisite in Krakau kam im ersten Konzert noch Madame Pompadour auf die Bühne im Lustduell "Ach Joseph, was bist du so keusch!" Natürlich in recht delikatem Ansinnen - ähnlich wie nach biblischem Bericht seinerzeit die Gattin des pharaonischen Beamten Potiphar beim Sklaven Joseph.

Das passte zur Europareise. Leo Fall hat die Geschichte aufgegriffen, an die Mätresse Ludwigs XV. denkend und an die Bürger von Paris, die damals nach den spöttischen Versen des Dichters Calicot lechzten, die er allabendlich während der Faschingszeit im "Musenstall" auf sie abgefeuert hatte. Auch der Witz des Tages stimmte: Am Schluss der Scharmützel und inmitten der Intrigen am Hofe wird Calicot beordert als Leibwächter der Madame. Zuschauergeflüster: Gar nicht überraschend für uns. In einem Rechtsstaat lässt sich vieles regeln.

Damit auch keiner deshalb etwa traurig den Saal verlässt, überraschten Lisa, Carolin, Nicole, Alena und Hendryk vom TANZpark ConsTANZe quicklebendig mit dem Can Can incl. doppeltem Spagat aus Offenbachs "Orpheus aus der Unterwelt" und karikierten noch mal die Doppelmoral der besseren Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs. Choreografie und Leitung: Constanze Bonk (ehem. Staatsballett).

Künstler Agentur conTakt • Telefon: (030) 51 73 98 03 • Fax: (030) 51 73 98 04