Unser Gästebuch

Nachricht 56-60 von 133.
05-02-2012 19:23
E. Rasmus ( Berlin )
PS: Ein Nachsatz scheint mir nicht unwesentlich zu dem von Herrn Nerger aufgeworfenen Problem: Es war früher üblich, irgendwelchen Fürsten und Feldherren etc. musikalische Stücke zu widmen. Zum Teil wurden diese sogar von denen in Auftrag gegeben. Die Förderung von Kunst war abhängig von reichen Gönnern - und ist es ja heute im Grunde genauso, für den Künstler also oft existentiell wichtig. Wir sollten, so meine ich deshalb, die Widmungen nicht mit dem Kunstwerk inhaltlich aus heutiger Sicht überbewertend verschmelzen, denn Name ist Schall und Rauch, wenn auch nicht der des Künstlers.
05-02-2012 18:01
E. Rasmus ( Berlin )
Herr Nerger stellt da eine interessante Frage in seiner Gästebucheintragung, obwohl ich nicht der Meinung bin, diese Präsentation in ein Forum umzumodeln - es könnte leicht zu emotionalen Unsachlichkeiten kommen, die auch abgleitend den Charakter eines Gästebuches sprengen -, sehe ich mich dennoch zum Versuch einer Antwort veranlaßt. Als durchaus politisch Interessierter betrachte ich die Entgegnung des nicht applaudierenden Konzertbesuchers gelassen. Gerade die Musikgeschichte kennt viele Beispiele plakativpropagandistischen Mißbrauchs für demagogische Herrschaftszwecke. Denken wir an Liszts Les Préludes - von den Nazis als Ankündigung des sogenannten Heeresberichts der Wehrmacht mißbraucht - oder daran, daß ein gewisser Alois Schicklgruber aus Braunau, Richard Wagner liebte. Wahre Kunst ist darüber erhaben. Und weder Franz Liszt noch Richard Wagner schrieben - was chronologisch schon unmöglich ist - ihre Werke für entartete Mächte. Und wenn Johann Strauß seinen Radetzkymarsch auch in seiner Zeit einem reaktionären Feldmarschall, der führend an der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution in Italien beteiligt war, widmete, so ist von jenem Namen - es kommt immer auf den Standpunkt des Rezipienten an - nicht das reaktionäre Kalkül, sondern der wunderbar nachempfundene Takt maßgeblich, das in Fleisch und Blut Übergegangene ist nahezu genetisch bedingt. Sollte man den Menschen emotional amputieren? Zu Konzerten der Nationalen Volksarmee fehlte übrigens der Radetzkymarsch auch nicht. In meinem DDR-Duden findet sich der Titel. Strauß als Kind monarchistischer Verhältnisse, können wir die Widmung nicht anlasten. Wer war gar Napoleon? Als erster imperialistischer Politiker, führte er imperialistische Kriege. Beethoven widmete ihm zunächst seine "Eroica", auch wenn er sich erzürnt von Bonaparte distanzierte, als er von dessen Kaiserkrönung auf Lebenszeit hörte. Und um weiter zu gehen, die Nazis mißbrauchten alte Gewerkschafts- und Arbeitermelodien, sie mißbrauchten den 1. Mai für ihre Herrschaftszwecke. Es wäre ja aber wiederum reaktionär, sich des humanistischen Gehalts, der in der Zeit geborenen patriotischen Gefühle zu entledigen. Es gibt keine "reine" Geschichte - auch nicht in der Kunst, weil der Mensch das Ensemble der jeweils gesellschaftlichen Verhältnisse ist; das sagt uns Marx. Es geht um die kritische Aneignung der gehobenen Schätze der Menschheit.
03-02-2012 15:03
Maria Schulze ( Bernau )
Ich habe auch Freude daran, neugierig zu sein, wie Komponisten und ihre Texter die Welt gesehen haben und was sie uns auf den Weg geben wollten. Es ist sogar spannend, wie man durch die Con Takt - Konzerte manches entdecken kann. Ob auch andere Besucher gern mal an Eräuterungen und Gesprächen
teilnehmen würden?
Sobald ein Konzert zu Ende ist, hat man es natürlich gleich wieder mit ganz praktischen Fragen zu tun, vom eigenen Familienleben bis zu schlimmen Vorgängen in der Welt.
Mehr als Radetzky interessiert mich zum Beispiel,
ob Frau Merkel der Aufforderung nachkommen wird, mit ihrem Bundeskabinett im Februar in Dresden den Neonazis entgegen zu treten. Und was die Regierung tun wird, wenn Israel öffentlich ankündigt, im Frühjahr gegen Iran loszuschlagen.
Ich denke, wir müssen über alles nachdenken und nicht hinnehmen, wie es kommt.
Mit vielen Grüssen Maria Schulze
02-02-2012 18:07
Siegfried Nerger ( Berlin )
Wenn es möglich ist, im Gästebuch auch kritische Fragen zu diskutieren, möchte ich mich doch trauen, um Rat zu fragen. Der Radetzkymarsch ist, wie in Wien, zum ständigen Abschluss des Neujahrskonzerts geworden. Und wenn ich erlebe, wie 99 % des Publikums darauf warten mitzuklatschen, fällt auf, dass sich einzelne Besucher daran nicht beteiligen. Als ich meinen Nachbarn danach fragte, fragte er zurück, ob ich denn nicht wüsste, welche Rolle dieser General und Feldmarschall der österreichischen Monarchie gespielt hat. Ich meinte, es handelte sich doch nicht um ein Ehrung Radetzkys, sondern um Begeisterung über die Musik von Vater Johann Strauss und um Stimmung am Schluss eines schönen Konzerts. Wir kamen nicht mehr dazu, die Frage zu
klären. Was sagen denn andere Besucher, genauere Kenner der Geschichte und Musikkritiker dazu? Was soll Con Takt denn machen oder wer findet einen genau so beliebten und geschichtlich einwandfreien Abschluss, nach dem es dann nicht heisst: Schade.
02-02-2012 09:52
Irene und Gerhard Just ( Berlin )
Der Alltag hat einen ja schnell wieder eingeholt. Aber auch wir denken gern an das Konzert zurück und sind auf das nächste gespannt.
Was uns besonders beeindruckt: Immer eine neue Auswahl von Opern- und Operettenausschnitten, aber kein Sammelsurium. Musik nicht bloß für die Ohren, sondern so, dass man auch Neues erfährt, aus welchem Grund und mit welcher Absicht sie entstanden ist.
Schon zweimal habe ich mich mit dem Publikum amüsiert, als der Dirigent vom Pult stieg und die Puppe Olympia in Hoffmanns Erzählungen mit dem grossen Schlüssel am Rücken aufzog, damit sie wieder weitersingen konnte. Erst in diesem Konzert kam ich aber auf die Frage: Warum ist sie eigentlich eine Puppe? Dabei war sie gar nicht im Programm, sondern die Antonia, wunderbar gesungen von Martina Rüping.
Die Bemerkung von Peter Bause zu den vier Frauen Hoffmanns war heiter: Ja, wer es mit solchen Frauen zu tun hat ... Im Programmheft las ich einiges über die romantische Oper zu Anfang des „Maschinenzeitalters“ und ich erinnerte mich, wie ein Bekannter von mir reagierte, als ich ihn endlich mal überreden wollte, mit ins Konzert zu gehen: Die alten Opern mit den schrulligen Geschichten, mit paar Melodien, die man kennt, und doppelt so vielen Mißtönen – das is nischt für mich ...
Jetzt bin ich neugierig geworden: Haben der Dichter und der Komponist Figuren bloß zufällig erfunden?
Hat vielleicht doch der Dichter Hoffmann, von dem man kaum einen Vornamen kennt, sondern nur E.T.A.,
mehr davon vorausgesehen, wie der Kapitalismus Menschen verändern wird?
Soll das „alt“ und langweilig sein? Danke auch für diesen Anstoß!
Ihr Gerhard und Irene Just.


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